aus der pumpstation1906, eins

heute beginnt die fussball wm der männer in mexiko, kananda und usa. die vorfreude oder gar das fussballfieber haben mich noch nicht gepackt. im gegenteil! ich sehe dieser wm mit sorge entgegen. das abschneiden der schweizer mannschaft hat dabei keinen einfluss auf meine bedenken. viel mehr ist es die angst, dass der fussball politisch instrumentalisiert oder/und gar missbraucht wird.

persönlich bin ich bei jedem sport-grossereignis mit dem begriff „heimat“ konfrontiert. was macht es aus, dass ich sagen kann: „DAS ist meine heimat, mein heimatland“. hat es etwas mit mir zu tun, wenn granit xhaka ein tor „für die schweiz“ an der wm schiesst?

ich lese im moment die riesinen von hannah häffner. in diesem zauberhaften buch geht es auch viel um den begriff „heimat“. darin heisst es: „heimat ist ein wort, dass ihr nicht über die lippen kommt, aber in den knochen steckt es schon.“ schön und wahr. an einer anderen stelle liest sich der satz: „was ist heimat, wenn nicht eine zuflucht vor einer angst, die du ohne sie nicht hättest?“. kluge und berechtigte frage.

Ich glaube, es gibt ein Zitat von peter bichsel, welches den Heimatbegriff aller Schweizer:innen zusammenfasst:

„Ich habe meine Heimat dort, wo ich meinen Ärger habe.“

peter bichsel (einer der ganz grossen CH-Schriftsteller, 1935-2025 R.I.P.)

ob schollentreue heimatchörli-fraktion oder alternativ-links, auf eines können sich alle einen: wir sind stolz auf unser land (wenn auch aus unterschiedlichen gründen), aber ärgern tun wir uns oft über sie – die heimat.

mein hochgepumptes highlight:

gelesen: das oben erwähnte buch heisst „die riesinen“ und geschrieben hat es hannah häffner. das buch ist ein portrait dreier generationen. gross und dünn überragen sie alle: liese riessberger, die still und unerbittlich die metzgerei führt. cora, ihre tochter, die wütende, die ausbrechen und lernen wird, dass heimkehr keine niederlage ist. und eva, coras tochter, die den wald so sehr liebt und sich dessen erst bewusst werden muss. heimat und ausgangspunkt ist ein fiktiver, kleiner ort im schwarzwald. jede der drei frauen ist mit ihm verbunden und doch muss jede für sich heimat alleine definieren. ein wunderbarer roman über starke frauen, heimat und das zeitgeschehen von den 50er Jahre bis in die gegenwart. leicht zu lesen, aber an keiner stelle seicht.

pump 1: BENJAMIN IM STROBOSKOP

(D 5 a, I)

Was vergessen wurde zu erzählen III (S.231 ff)

  1. Viel der wichtigen Konzeptionsarbeit an der Form seiner Texte wurde von Benjamin gestrichen oder verlief ins Leere.
  2. Benjamin stand einmal in Portbou vor Benjamins Grab. Zumindest vor etwas, das man dafür ausgab.

(a 17 a, I)

Literaturverzeichnis (Stand UNLESERLICH, noch unvollständig) (S. 216 ff)


es folgen 96 titel eines inhaltsverzeichnisses einer doktorarbeit zu walter benjamins passagen-werken.

hört sich ziemlich weird an? ist es auch! benjamin im stroboskop ist das schrägste buch, welches ich je gelesen habe. es ist eine einzige persiflage über den kultur- und unibetrieb. nicht zufällig ist das buch wohl im (mir bis anhin unbekannten) SATYR verlag erschienen. geschrieben hat das buch bernhard hoffmeister. auch von ihm hatte ich bis anhin noch nie etwas gehört. ich kann dem klappentext entnehmen, dass er philosophie und kulturwissenschaften in hildesheim und düsseldorf studierte. er lehrt z.Z. an der heinrich-heine-universität, insbesondere zu film, kapitalismus (?) und walter benjamin. 2022 wurde ihm dafür der „preis der lehre“ verliehen. darüber hinaus schreibt er für kleinkunstbühnen und tritt auch selber auf (vorwiegend poetry-slam). seit über zehn jahren ist er freier autor für fernseh-quizfragen, insbesondere für gefragt – gejagt. ich dachte: geiler siech! und wo muss ich meine bewerbung hinschicken, um freie autorin für fernseh-quizfragen zu werden?

um was geht es? benjamin, 29, untersetzt und unterfordert, promoviert über den posterboy der kulturtheorie: walter benjamin. als dauerironischer intelektueller schleppt sich benjamin durch den düsseldorfer uni- bzw. kleinkunstbetrieb. benjamin schoenflies promoviert zu walter benjamins passagen-werk und ist darin zwar erfolgreich, aber ziemlich sinn-entleert. daselbe widerfährt ihm auf den slam-poetry-bühnen deutschlands. das buch ist wie ein literarischer feed zum durchscrollen:absurd, fragmantarisch, völlig überdreht – aber man muss immer weiterlesen. ein strudel aus millennial-ängsten (ich zitiere den klappentext bei dieser aussage!), zitatenmontage und jetztzeit. alles wird beigezogen und vermanscht. kafkas prozess als szenerie der schlusssequenz wie szenen aus computerspielen, in welcher sich der protagonist plötzlich befindet, müssen gnadenlos für diesen roman hinhalten. es ist ein einziges namedropping (jörg fauser, arno schmidt, adorno…) und literaturbetrieb-bezüge z.B. der auftritt von rainald goetz 1983 beim ingeborg-bachmann-preis. walter benjamins fragmentarische und weitgehend unbekannten passagen-texte folgen auf trash – ein wilder ritt! staunend und atemlos spukte mich das buch wieder aus und ich dachte: ich muss mir die passagen-werke von walter benjamin besorgen!

meine oster-ferientage in hamburg waren geprägt von literarischen entdeckungen! diese trouvaille habe ich in der buchhandlung cohen + dobernigg im karo-viertel gefunden.


bernhard hoffmeister: benjamin im stroboskop, satyr verlag, berlin 2026.